Faszinierendes Thailand

Die Jahrhunderte haben dem gutmütigen Antlitz des überlebensgroßen Buddha nur wenig anhaben können. Seit 800 Jahren spielt ein friedvolles Lächeln um seine Lippen, reflektiert vom grünen Wasser des Teiches, an dessen Ufer er sitzt und meditiert. In seinem Rücken erheben sich mächtige gemauerte Pagoden wie riesige Glocken aus der Parklandschaft, dahinter begrenzen die bewaldeten Hügel Nordthailands den Blick. Sukhothai, die erste Hauptstadt Thailands, erlebte zwischen 1238 und 1376 seine Hochblüte. Diese 138 Jahre gelten als das "goldene Zeitalter" des Landes. Viele Thai stellen sich diese Zeit, nostalgisch verklärt und mythologisch verbrämt, als eine Ära vor, in der das alltägliche Leben einfacher, die Religion pur, die Kultur unverfälscht war und Beamte, Polizisten sowie Politiker noch nicht korrupt waren.

Thailand Sehenswürdigkeiten: Buddha in Sukhothai
Buddha im historischen Park von Sukhothai überdauerte die Jahrhunderte und belächelt heute milde die Touristen

Untergegangen ist dieses Reich trotzdem. Seine weltlichen Spuren sind fast zur Gänze verschwunden. Geblieben sind die Buddhas und ihre Tempel. Zwanzig Minuten, zwei Stunden oder einen ganzen Tag kann man den weitverstreuten Tempelresten im historischen Park von Sukhothai widmen, und entsprechend unterschiedlich viel bekommen die einzelnen Besucher auch zurück: der eine den schnellen Überblick, der andere eine Ahnung von der Bedeutung des Namens Sukhothai für die heutigen Thai und der dritte als Draufgabe vielleicht noch die Erkenntnis von Vergänglichkeit im Angesicht der Ewigkeit.

Die steinernen Elefanten sind eine von unzähligen Attraktionen im historischen Park von Sukhothai
Die steinernen Rüsselträger sind eine von unzähligen Sehenswürdigkeiten im historischen Park von Sukhothai

Alle Farben des Regenbogens

Der historische Park von Sukhothai ist den großen Tempelanlagen Südostasiens ebenbürtig, und er ist nicht die einzige Thailand Sehenswürdigkeit seiner Art im einstigen Königreich Siam: Einen ähnlich bedeutenden Park gibt es im Einzugsbereich von Bangkok, in Ayutthaya, der zweiten Hauptstadt. Kleinere - dafür auch weniger besuchte - Anlagen findet man in Si Satchanlai rund 70 und in Kamphaeng Phet rund 80 Kilometer von Sukhothai entfernt.

Sehenswürdigkeiten in Thailand: Ayutthaya
Eine von vielen Sehenswürdigkeiten in Thailands: alte Hauptstadt Ayutthaya

Rund 40.000 Tempel, Wats genannt, verteilen sich über das ganze Land, das ungefähr so groß wie Frankreich ist. Halbverfallene Tempelruinen neben neuen Tempeln, die noch nach frischem Lack riechen. Prächtige Wats in allen Farben des Regenbogens, unscheinbare Wats in schlichtem Weiß. Pagoden aus hinduistischer Vergangenheit, Pagoden aus dunklem Holz im Stil des Nordens, Pagoden, die gänzlich in Gold erstrahlen.

Buddha und Wat Chaiwattanaram in Ayutthaya
Wunderschöne Wat Chaiwattanaram in Ayutthaya

Nicht alles, was glänzt, ist Gold, jedenfalls nicht mehr als Blattgold. Das wäre auch zu viel verlangt - die Thai spenden ohnehin generös für den Erhalt, die Renovierung und den Bau neuer Tempelanlagen. Sie geben Geld zur Unterstützung der Mönche im Kloster, für die Schulbildung von Kindern weniger wohlhabender Eltern und generell für die Armen. Diese sympathische Opferbereitschaft beruht allerdings auch ein wenig auf Egoismus: Am Weg in ein nächstes, ein besseres Leben gilt es, Punkte zu sammeln - etwa indem man gute Taten vollbringt, einen Sohn während seiner Schulferien ins Kloster steckt oder als erwachsener Mann zwei Wochen bis drei Monate lang zum Mönch wird.

Aus dem Blickwinkel von Europäern nehmen diese Bemühungen, das Punktekonto aufzustocken, manchmal skurrile Züge an: Vögel in winzigen Bambuskäfigen werden lediglich zu dem Zweck verkauft, vom Käufer großzügig in die Freiheit entlassen zu werden. Ein fettes Plus mehr.

Thailandtipps - schwimmender Markt
Business by Boat. Mit Gemüse und Obst beladene Boote bilden schwimmende Märkte

Unsereinem drängt sich dabei natürlich die Frage auf, ob die Verkäufer, die die Vögel in freier Natur einfangen und einsperren, dafür Punkteabzüge in Kauf nehmen müssen. Weil man die Antworten auf solche Fragen nie verstehen wird ("Aber nein! Es ist ja ihr Beruf!"), sollte man sie besser gar nicht stellen und sich generell darauf verlegen, das Land nicht unbedingt begreifen zu wollen - beobachten und darüber staunen, was sich unter der modernen Oberfläche alles verbirgt, ist ein viel lohnenderer Weg der Annäherung.

Die Bergstämme im Norden

Gleichsam Lichtjahre von unserer Welt entfernt - und auch von jener der meisten Thai - leben die Menschen im äußersten Norden des Landes, dort, wo die Berge die Grenze zu Burma bilden. Die Bewohner der Gebirgsregionen Thailands unterscheiden sich nicht nur im Lebensstil, sondern auch ethnisch von den Thai und werden im allgemeinen als Angehörige der "Bergstämme" bezeichnet. Ungefähr 500.000 Menschen bilden rund zehn verschiedene Volksgruppen, die mit den Thai eigentlich nur gemein haben, dass sie innerhalb derselben Landesgrenzen leben. Doch nationale Grenzen haben für sie nur marginale Bedeutung. Sie fühlen sich nicht in erster Linie einem Staat zugehörig, sondern ihrer Ethnie.

Die Lisu, Akha, Lahu, Yao, Hmong oder Karen unterscheiden sich voneinander durch Brauchtum, Glauben, Tracht und Sprache, gemeinsam ist ihnen die archaische Existenz. Sie leben von dem, was die Natur ihnen bietet: Reis und Mais, Hühnern und Schweinen. Von den Errungenschaften des 21. Jahrhunderts sind sie weitgehend abgeschnitten - ihre Dörfer sind nur zu Fuß, mit dem Elefanten oder im Boot zu erreichen.

Thailandreise - archaisches Dorf
Manche Dörfer im Norden sind nur zu Fuß, im Boot oder per Elefanten zu erreichen

Manche profitieren jedoch vom lukrativen Opiumanbau: Die Berge im Grenzgebiet zwischen Thailand, Burma und Laos - das "goldene Dreieck" - sind der Ursprung von gut drei Vierteln des weltweit im Umlauf befindlichen Heroins. Ein Milliardengeschäft für die Opiumbosse, die hauptsächlich von Burma aus operieren. Mit dem Geld wird etwa der Kampf der Karen und Shan - großer ethnischer Minderheiten in Burma - gegen die verhasste Militärregierung in Rangun um eigene, souveräne Staaten finanziert.

Was ist schon Zivilisation?

Touristen in Nordthailand bekommen davon aber nichts mit. Mae Hong Son, nur wenige Kilometer von der grünen Grenze entfernt, ist ein friedliches, verschlafenes Nest. Lediglich die beiden Tempel im burmesischen Stil sowie die Lackarbeiten, die in den paar Souvenirläden angeboten werden, weisen auf die Nähe Mae Hong Sons zu Burma hin.

Mae Hong Son in Thailand
Thailandurlaub: Mae Hong Son in Nordthailand

Die Nähe wirkt auf der Landkarte aufregend - die Anziehungskraft des Städtchens hat aber einen anderen Grund: Mae Hong Son liegt in einem engen Talkessel, und die Dörfer der Bergstämme sind nicht weit. Zwei Stunden Fußmarsch durch den dampfenden Dschungel, und man taucht ein in diese fremde Welt. Keine Autos, keine Strommasten, keine Telefone. Handys kann man hier getrost vergessen.

Stunde um Stunde nichts als Wald und Flüsse, hin und wieder eine kleine Siedlung. Tagelang kann man durch dichten Wald wandern, ohne auf Straßen oder gar Städte zu stoßen. Abends durchdringt das Zirpen der Grillen die Stille, der Blick in den Sternenhimmel wird von keinem Licht, das stärker ist als der Schein einer Petroleumlampe, getrübt.

So manchen Fremden scheint es schwer vorstellbar, dass diese abgeschiedenen Dörfer mit ihren einfachen Holzhütten nicht etwa als Regenerations-Oasen für stressgeplagte Städter entworfen wurden, sondern dass sie echt sind. Dass Menschen hier ihr ganzes Leben verbringen können. Aber schon nach drei Tagen on tour, die Nächte auf einfachen Matratzen, kommt einem Mae Hong Son bei der Rückkehr längst nicht mehr so fern jeglicher Zivilisation vor wie noch bei der Ankunft aus dem urbaneren Süden.

Kopf hoch!

Wer die nötige Kondition oder die Zeit für eine Trekkingtour nicht aufbringt (die Strände Thailands locken!), stattet meist zumindest den Padaung einen Besuch ab. Die Padaung stammen aus Burma, einige hundert von ihnen sind in den letzten Jahrzehnten vor den andauernden Kämpfen Regierung gegen Rebellen und Rebellen gegen Rebellen ins Nachbarland geflüchtet und haben sich um Mae Hong Son niedergelassen. Dort sind sie eine Bereicherung im exotisch-bunten Mosaik des Landes: Die Frauen der Padaung sind bekannt für ihre bizarr langen Hälse, die in übereinandergestapelten Bronzeringen stecken.

Padaung-Frau in Mae Hong Son, Thailand
Padaung-Frau in Mae Hong Son

Von Kindheit an wird durch das kontinuierliche Anlegen von immer mehr Ringen an dieser künstlichen Streckung gearbeitet, die genau genommen eigentlich eine Deformation der Schulterpartie ist. Die Padaung-Frauen sind ein Kuriosum und leben heute vom Souvenirverkauf an Touristen und von ihrem Modeldasein als begehrte Fotomotive.

Zu Mae Hong Son ist kaum ein stärkerer Kontrast vorstellbar als Bangkok. Krung Thep, Stadt der Engel, lautet der offizielle Name der Metropole. Das ist ein krasser Etikettenschwindel. Nehmen wir eine x-beliebige Stelle in der City: Taxis, Autos und Busse drängen sich stinkend an einer Kreuzung. Dazwischen schlängeln sich dröhnende Tuk-Tuks, schwarze Abgaswolken ausstoßend, durch den sechsspurigen Stau. Resigniert rudert ein Polizist mit Mundschutz auf der Stelle und versucht den stockenden Verkehr wieder in Gang zu bringen. Es ist drückend heiß. Die Luftfeuchtigkeit alleine ließe ganze Wüsten erblühen. Über das Ganze spannt sich die gigantische Brücke einer der großen Durchzugsstraßen, auf der genauso viel Verkehr wie unten genauso wenig vorankommt. An den Gehsteigkanten läuft der Alltag ab, die Menschen scheinen taub und unempfindlich gegen die Verkehrslawine, die sich nur wenige Zentimeter von ihnen entfernt im Schneckentempo mit langen Stillständen dazwischen hupend dahin wälzt. Das Trottoir dient als Marktplatz, als Open-air-Restaurant für die Garküchen und als Klatschbörse. Arglose europäische Touristen, die versuchen, auf direktem Wege schlicht von A nach B zu kommen, geraten mitten in einen Albtraum.

Tuk-Tuk in Bangkok
Tuk-Tuk in Bangkok
Die königliche Prozession in Bangkok
Die königliche Prozession in Bangkok